UmweltBriefe -<wbr> Aus Kommunen und Forschung
HOME AKTUELL ARCHIV SUCHEN UEBER UNS IMPRESSUM PROBEABO MEDIADATEN
Ausgabe 12/13, 20. Juni
 
Titel
Merk-Wuerdiges
Kommunen und Regionen
Aus Unternehmen und Forschung
Best Practice
Hintergrund
Abfall
Energie
Boden
Mobilität
Publikationen
Bürgerinfo
 
  Umweltbriefe

Forst in Naturnähe

Mit derart heftiger Kritik aus der Forstbranche hatte der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) nicht gerechnet. Dessen 54-seitiges Waldkapitel im jüngsten 700 Seiten starken Umweltgutachten „Verantwortung in einer begrenzten Welt“ (s. UB 12/12, S. 1) sei „einseitig, widersprüchlich und teilweise falsch“, schimpften elf Forstwissenschaftler. Weniger Holz aus deutschen Wäldern zu nutzen, so wie es der SRU fordert, führe „zwangsläufig zu einer Erhöhung der Holzimporte“. Auch gegen die Ratsempfehlung, zur Klimaanpassung mehr Waldschutzgebiete auszuweisen sowie mehr standortheimische Baumarten zu pflanzen, wehren sich die Forstexperten.

Der Umweltrat hat das kritische Forstpapier gekontert und zum Gespräch mit den Forstlichen Forschungsanstalten (DVFFA) geladen. Beide Seiten einigten sich auf einen öffentlichen Diskurs, der am 6. Juni in Berlin über die Bühne ging. „Das ist klar, dass die Forstwirtschaft so denkt, das sind ihre Interessen“, sagte dort der SRU-Vorsitzende Martin Faulstich: „Wir schauen aus ökologischer Sicht.“ Sein Wissenschaftlerteam im Rat wolle nicht die Arbeit hundertausender Forstleute in den Schmutz ziehen. „Wir wollen nur Trends aufzeigen und sagen, wenn es so weitergeht, widerspricht das der Definition von Nachhaltigkeit.“

Dennoch lehnt die Forstwirtschaft die SRU-Ratschläge zur umweltgerechten Waldnutzung ab. Der scheinbar unauflösbare Streit dreht sich vor allem um die Zusammensetzung der künftigen Waldgesellschaften, standortheimisch (Buche) oder -fremd (Douglasie), und um die Umtriebszeiten, also wie alt Bäume werden dürfen, bevor man sie fällt. „Das Gutachten ist unausgewogen, weil es unberücksichtigt lässt, was schon erreicht ist“, sagte Peter Meyer. Der Wissenschaftler an der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt wies darauf hin, dass der Laubwald von 2002 bis 2008 um 210 191 ha oder fünf Prozent und jener mit einem Alter über 160 Jahren um 77 419 ha oder 50 Prozent zugenommen habe, ebenso der Totholzvorrat (15 m3/ha).

Doch das ist dem SRU noch viel zu wenig. Der Anteil über 160 Jahre alter Bäume an der Gesamtwaldfläche in Deutschland beträgt nur zwei Prozent, zwei Drittel sind dagegen jünger als 80 Jahre. Dem Umweltrat geht es um „alte Bestände heimischer Baumarten, die geschützt oder naturnah in artgemäß langen Zyklen bewirtschaftet werden“. Um die Biodiversität zu erhalten, sollten sich zehn Prozent der öffentlichen Waldfläche natürlich entwickeln dürfen. „Wir brauchen ausreichend große Naturwaldflächen, die wir im Klimawandel beobachten können“, sagte SRU-Mitglied Manfred Niekisch. Denn es fehle an Daten über die Dynamik der biologischen Vielfalt. Darüber gäben die Bundeswaldinventur und der Waldzustandsbericht keine Auskunft.

„Uns wurde vorgeworfen,“, sagte SRU-Chef Faulstich, „wir hätten unser Waldkapitel bei Greenpeace abgeschrieben.“ Tatsächlich taucht die Umweltorganisation in der Literaturliste einmal auf. Doch nicht bei Greenpeace habe man gespickt, so Faulstich, „sondern beim Bundesamt für Naturschutz. Uns wurde da entgegnet: Die seien noch viel schlimmer.“ Dabei hat auch Greenpeace gerade erst eine Studie veröffentlicht, nach der sich Ökowälder positiv auf den Klimaschutz auswirkten. In diesen Forsten sei die CO2-Speicherung zwischen zwölf und 40 Prozent höher als in konventionell bewirtschafteten Wäldern. Modell dafür standen Wälder in Lübeck, Mölln und Göttingen, in denen sich etwa zehn Prozent der Waldfläche natürlich entwickeln.

von Tim Bartels

> Die Vortragscharts der Referenten vom 6. Juni (Umweltgerechte Waldnutzung im Diskurs) und das Protokoll zum SRU/DVFFA-Gespräch vom 24.9. 2012 finden Sie unter www.umweltrat.de
> Die Greenpeace-Studie
Der Ökowald als Baustein einer Klimaschutzstrategie (39 S.) als PDF unter https://service.greenpeace.de/fileadmin/gpd/user_upload/themen/waelder/20130527-Klima-Wald-Studie.pdf

 

 

© 2013 Walhalla u. Praetoria Verlag GmbH & Co. KG | Impressum | Datenschutzerklärung