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Ausgabe 11/12, 07. Juni
 
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Naturinseln ohne Bindung

Die EU jubelt über zwanzig Jahre Naturschutzanstrengungen: Am 21. Mai 1992 trat die Flora-Fauna-Habitat-(FFH)-Richtlinie in Kraft. Doch erst jetzt stehen knapp 18 Prozent des EU-Territoriums und rund 200 000 km2 Meeresfläche zumindest auf dem Papier unter Schutz und sollen ein Natura-2000-Netz bilden. Von einem Biotopverbund kann da noch keine Rede sein. Vor allem in Deutschland führen diese ökologisch wertvollen Lebensräume eher ein loses Inseldasein.

Die Naturschützer vom NABU finden dennoch einen echten Grund zu feiern. Denn, so dessen Präsident Olaf Tschimpke, ohne die EU hätte es zusätzliche Schutzgebiete in Deutschland nicht gegeben. „Alleine hätten wir das hierzulande nicht hingekriegt.“ Insgesamt 5 266 Natura-2000-Gebiete umfassen hierzulande 15,4 Prozent der Landesfläche. Damit liegt Deutschland EU-weit im Mittelfeld. Naturschutzsupermächte sind Slowenien mit 35,5 Prozent und Bulgarien mit 33,9 Prozent Natura-2000-Anteil. Im Meeresschutz ist Deutschland wiederum Vorreiter: 45 Prozent der Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) wurden gemeldet.

„Es hätten“, sagt die Natura-2000-Referatsleiterin im Bundesumweltministerium, Christiane Paulus, „ruhig auch viel weniger als 5 000 Naturschutzgebiete, dafür aber größere sein dürfen.“ Nun gelte es, das Netz mit Leben zu füllen. Denn es bestehe noch viel zu sehr aus Inseln oder aus einem Archipel isolierter Naturschutzareale. „Auf der Karte sieht das aus wie ein Schrotschuss“, sagt Uwe Riecken vom Bundesamt für Naturschutz (BfN). Der Leiter für Biotopschutz verweist auf Paragraf 20 und 21 des Bundesnaturschutzgesetzes, wonach ein Biotopverbundsystem auf mindestens zehn Prozent der Landesfläche entwickelt werden soll – auch zur Verbesserung des Natura-2000-Netzes.

Darüber hinaus sagt der 15-Prozent-Anteil an EU-Vogelschutz- und FFH-Gebieten nichts über deren Zustand aus. Zwar sei die Fläche der streng geschützten Gebiete angestiegen, so Riecken, doch befinden sich nur etwa 25 Prozent der Lebensraumtypen und 20 Prozent der Arten in FFH-Gebieten in einem „günstigen Erhaltungszustand“ (vgl. UB 01/09 S. 10).

Zwischen Natura-2000-Flächen des Grünlands, im Wald und in Feuchtgebieten lassen sich hierzulande häufig kein Güteunterschiede zu anderen Arealen feststellen, beklagt der NABU. Denn auch in FFH-Gebieten werde beispielsweise Grünland umgebrochen, wie eine noch laufende Studie der Naturschützer in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz ergeben wird. Viele Gebiete seien „trotz ihrer Ausweisung akut in Gefahr“, heißt es da. Grund: Es mangele an Managementplänen und an deren Umsetzung und Überprüfung durch ein Monitoring. Erst sehr wenige der Natura-2000-Gebiete seien wirklich „in Betrieb“.

Für ein Monitoring brauche man eine funktionierende Behördenstruktur, sagt NABU-Chef Tschimpke. „Und das ist Sache der Länder.“ Die fordert er auf, sollten ausreichend Personal und Finanzen zur Verfügung stellen, um die EU-Verpflichtungen erfüllen zu können. Die grün-rote Landesregierung in Baden-Württemberg geht da mit gutem Beispiel voran und will Landkreise bei der Besetzung eines FFH-Beauftragten unterstützen (s. UB 10/12, S. 10).

Der Naturschutzbeamte Riecken hält auch eine „breite Imagekampagne für dringend geboten“. Seiner Meinung nach sind in der Vergangenheit „erhebliche Fehler“ in der Öffentlichkeitsarbeit gemacht worden. Tatsächlich berichten die Medien wenig über Natura 2000. Folge: Kaum jemand kann mit diesem Begriff etwas anfangen, schon gar nicht mit „Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie“ oder FFH. Die Fachöffentlichkeit hält Riecken dagegen für gut bedient. Vor allem aus seiner Behörde ist dazu viel publiziert worden. Allein manche Bürgermeister deutscher Gemeinden, berichtet Karl Falkenberg von der EU-Umweltkommission, erlebten immer noch „erhebliche Schrecksekunden und wetterten furchtbar dagegen“, wenn sie von FFH hörten. Das Problem ist ebenfalls kommunikativer Art: EU-Recht, so Falkenberg, werde immer noch als etwas angesehen, was von außen komme und wozu man gezwungen werde.

von Tim Bartels

> Der aktuelle Meldestand (30.9.2011) der deutschen FFH-Gebiete als PDF unter www.bfn.de/fileadmin/MDB/documents/themen/natura2000/meldestand_ffh_300911.pdf
> Der nationale wie auch EU-Gemeinschaftsbericht über die Arten und Lebensraumtypen der FFH-Richtlinie lässt sich herunterladen unter www.bfn.de/0316_monitoring.html
> Ein 6-seitiges NABU-Hintergrundpapier (Wie weiter mit Natura 2000?) als PDF unter www.nabu.de/imperia/md/content/nabude/naturschutz/hintergrundpapier_n2k-gipfel.pdf
> Eine Festbroschüre der EU-Kommission auch auf Deutsch unter http://ec.europa.eu/environment/nature/info/pubs/directives_en.htm
      

 

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