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Ausgabe Juni 2016
 
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Stadtnatur im Blick

Matthias Harnisch zweifelt am Ergebnis der aktuellen Naturbewusstseinsstudie. Danach sind knapp 70 Prozent der Deutschen „eher“ oder „voll und ganz“ dafür, dass es innerorts Flächen gibt, die sich selbst überlassen bleiben (s. S. 19). Im hessischen Riedstadt, wo Harnisch ein Blühstreifenprojekt mit Wildblumensaaten betreut, gibt es dieses Ja zur Wildnis in der Stadt nicht. Vielmehr sind die Riedstädter überwiegend gegen bunte Blumen und wilde Wiesen. „Es soll mehr gemäht werden, damit es ordentlicher aussieht“, berichtete der amtliche Grünflächenmanager auf der Jahrestagung der „Kommunen für biologische Vielfalt e.V.“ in Hannover. Diesem Bündnis ist Riedstadt trotz lokaler Wildnisgegner beigetreten. Denn die 1977 aus fünf Dörfern gebildete Kommune hat in Sachen Stadtgrün einiges zu bieten: 40 Prozent des Gebiets steht unter Naturschutz. „Da sieht es zum Teil schon sehr wild aus“, sagt Harnisch. Vielleicht sei man davon so natursatt, dass die Riedstädter innerorts eher den gepflegten Rasen bevorzugen (s. S. 10). Will man mehr biologische Vielfalt, sind Blumenwiesen und Staudenbeete natürlich vorzuziehen. Doch zunächst einmal geht es den mittlerweile 111 Mitgliedern der kommunalen Biodiversitätsallianz darum, so viel entsiegelte und neue Pflanzfläche wie möglich zu schaffen (s. UB 04/12, S. 1). Dabei „die Menschen mitzunehmen und für die Natur zu begeistern“, ist oberstes Ziel für Hannovers Bereichsleiter für Forsten, Landschaftsräume und Naturschutz, Heino Kamieth. „Man darf ihnen aber nicht vorschreiben: Das ist gutes Grün, das ist schlechtes Grün.“

In Hannover verlangten die Einwohner „geradezu leidenschaftlich, dass das Stadtgrün erhalten bleibt“, sagt Umweltdezernentin Sabine Tegtmeyer-Dette. Rund 20 000 Kleingärten in Niedersachsens Hauptstadt machen das deutlich. Zum Vergleich: Dortmund hat 8 000, Essen 6 000 Schrebergärten inne. Für Naturschutzleiter Heino Kamieth zählt aber auch die Landwirtschaft zum urbanen Grün, 1 400 ha Agrarfläche befinden sich in Hannovers Grenzen. „Sie sind zumeist in privater Hand“, berichtet Kamieth, „und wir fragen uns, wie man darauf Einfluss nehmen kann“. Die Abstimmung mit den Landwirten sei sehr aufwändig, sagt er.

Schon etwas weiter scheint da die Stadt Frankfurt am Main zu sein, zumindest was den kommunalen Acker angeht, der verpachtet wird. „Ein Prozent davon müssen die Landwirte für Biodiversitätsmaßnahmen vorhalten“, sagt deren Umweltamtmann Volker Rothenburger. Stadtgrün habe einen „unendlichen Kommunikationsanspruch“, sagt er. Deshalb gehöre für ihn dazu: „Personal, Personal, Personal!“

Das Stadtgrün-Thema hat sich auch Bundesumweltministerin Barbara Hendricks zu eigen gemacht. Sie will nach dem 2015 vorgelegten Grünbuch (s. UB 13/15, S. 2) 2017 ein Weißbuch veröffentlichen, in dem grüne Umsetzungsoptionen für Kommunen aufgezeigt werden. Derzeit sei es doch häufig noch so, beklagte die Ministerin in Hannover, dass Grünflächen in der Stadt für den Kämmerer „einfach nur ein Kostenfaktor neben anderen“ darstellten.

Dass Stadtnatur aber nicht nur kostet, sondern auch einen monetären Wert hat, will nun das Naturkapital-Deutschland-Projekt TEEB-DE in seinem dritten Bericht zu den „Ökosystemleistungen in der Stadt“ beweisen. Ein Ergebnis lautet: In einem durchschnittlich mit Grün versorgten Stadtviertel bedeuten ein Hektar zusätzliche Grünfläche für die Lebenszufriedenheit eines einzelnen Einwohners statistisch dasselbe wie ein zusätzliches Einkommen von 276 Euro pro Jahr. Zudem ließen sich in einer dicht besiedelten Stadt im Umkreis von 1 km Kosten von 1 Mio. Euro vermeiden, wenn dort 1 ha Grünfläche sprösse. Doch was besagt das? Klar ist nur: Diese eingesparten Kosten werden natürlich nicht ins kommunale Grün zurückgelenkt.

von Tim Bartels

> Den 3. TEEB-DE-Bericht Ökosystemleistungen in der Stadt finden Sie unter www.naturkapital-teeb.de
> Alle bisherigen Mitgliederkommunen sind gelistet unter www.kommbio.de/buendnis/mitglieder/
> Das Grünbuch des BMUB: www.bmub.bund.de/service/publikationen/downloads/details/artikel/gruen-in-der-stadt-fuer-eine-lebenswerte-zukunft-1/
 
 

 

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