UmweltBriefe - Aus Kommunen und Forschung
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Ausgabe 06/12, 29. März
 
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Jein zum Erdkabel

Nur jeder Zehnte in Deutschland bringt den Stromnetzausbau mit der Energiewende in Verbindung. Das zumindest ergab eine Studie der TU Ilmenau. Dabei herrscht unter Wissenschaftlern, Politikern, Unternehmen und Umweltschützern Einigkeit darüber, dass die Wende ohne neue Netze nicht geht – allein über die Frage, ob Freileitungen oder Erdkabel zu verlegen sind, gibt es viel Streit und Bügerinitiativen. Nun hat eine Untersuchung des Energie-Forschungszentrums Niedersachsen (EFZN) und des Hamburger Planungsbüros Oecos erstmals die Umweltfolgen und Kosten der konkurrierenden 380-kV-Höchstspannungsleitungen miteinander verglichen.

Mit dieser vom Bundesumweltministerium beauftragten Studie erhofft man sich, die bislang eher emotional geführte Debatte auf sachlicher Ebene diskutieren zu können. Emotional reagieren betroffene Bürger dort, wo geplante Hochspannungstrassen nahe ihrer Siedlungen oder gar über ihren Häusern geplant sind. Auch der in der Uckermark lebende Hartmut Lindner von der Bürgerinitiative „Biosphäre unter Strom – keine Freileitung durchs Reservat” zeigte sich bei der Studienvorstellung verärgert gegenüber der Umweltplanerin Elke Bruns von der TU Berlin. Als „diffamierend“ empfand Lindner die Ausführungen der TU-Wissenschaftlerin, wonach „subjektive Befürchtungen“ betroffener Anwohner sich nicht mehr durch mehr Bürgerbeteiligung ändern ließen, ebensowenig wie „individuelle Werthaltungen, Anspruchsdenken und materielle Interessen“. Akzeptanz sei daher nur bedingt planbar, schlussfolgerte Bruns und zitierte ein ungeschriebenes Gesetz der Risikokommunikation: „Don´t fight fears with facts.“ – Die Studie kommt zum Ergebnis: „Es gibt für Erdkabel wie für Freileitungen Vor- und Nachteile.“ Es müsse, sagt EFZN-Chef Hans-Peter Beck, immer im Einzelfall entschieden werden. Negative Folgen fänden sich in Bau- und Betriebsphase der Freileitungen wie auch der Erdkabel, berichtet Oecos-Umweltplaner Karsten Runge, der die Kriterien entwickelt hat, die „eine erste Näherung an die Auswirkungen“ geben. Deutlich wird dabei, dass auch das Eingraben der Leitung erhebliche Schäden in Feuchtgebieten, Wäldern und deren Böden sowie in Trinkwasserzonen verursachen könne.

Freileitungen hingegen beeinträchtigen das Landschaftsbild, gefährden Vögel und Fledermäuse und können durch ihre elektromagnetischen Felder Gesundheit und Wohlbefinden beeinflussen. In puncto Kosten kommt man zu dem Ergebnis, dass Trassen über Land immer die „günstigste Lösung“ sind, während die Verkabelung untertage drei- bis viermal teurer ist.

Wie lässt sich nun die nötige Akzeptanz für neue Stromleitungen erreichen? Betroffene Bürger und Kommunen verlangen, dass 380-kV-Stromkabel unter die Erde verlegt werden. Immerhin könne das den Netzausbau trotz der höheren Kosten deutlich beschleunigen, sagt Hermann Guss vom Saarbrückener Institut für Zukunftsenergiesysteme (IZES). Denn je mehr sich der Bau der notwendigen Stromautobahnen verzögert, um so mehr Kosten verursachen die Netzengpässe. Wenn sich Windkraftstrom nicht abtransportieren lässt, müssen die Anlagen abgeschaltet werden.

„Die 127 Gigawattstunden abgeregelter Strom im Jahr 2010 verursachten zirka 5,6 Millionen Euro Mehrkosten für Deutschland“, sagt Guss. Das spreche für den Einsatz von Erdkabeln. Denn Freileitungen zögen sehr wahrscheinlich langwierige Klagen und Prozesse nach sich. „Wir sollten möglichst unter die Erde gehen“, sagt Rainer Baake von der Deutschen Umwelthilfe. Ist das nicht möglich und eine Freileitung unumgänglich, empfiehlt Baake „finanzielle Kompensationen für die Hausbesitzer“.

Zudem müssten die Bürger vor Ort rechtzeitig und umfassend informiert werden, sagt Baake. Zwar sieht das neue Netzausbaubeschleunigungsgesetz künftig mehr Bürgerbeteiligung als früher vor (s. UB 08/11, S. 8). Doch bereits bis Mitte 2012 soll der Netzentwicklungsplan fertig sein, der die Anfangs- und Endpunkte der notwendigen neuen Trassen beschreibt. Und davon wird, wie die Umfrage der TU Ilmenau zeigt, bisher kaum Notiz genommen.

Was die BMU-Studie gar nicht untersucht hat, ist die Möglichkeit der Teilerdverkabelung. Auch damit, sagt IZES-Forscher Guss, ließe sich beim Netzausbau aus technischer Sicht viel Zeit gewinnen, „was die höheren Kosten von Kabelsystemen ausgleichen kann“. Und mehr Akzeptanz unter den Betroffenen scheint dann auch in Sicht.

von Tim Bartels

> Die BMU-Studie (748 S.) des EFZN steht zum Download bereit unter www.efzn.de/
> Die IZES-Studie als PDF unter www.erneuerbare-energien.de/files/pdfs/allgemein/application/pdf/studie_netzausbau_bf.pdf
      

 

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