Tierschutz und Tierhaltung
Das Vieh muss raus!

Rinder und Milchkühe rülpsen und furzen Methan, und das ist 25 Mal klimaschädlicher als Kohlendioxid. Das liebe Vieh trägt also erheblich zur globalen Erderwärmung bei, schlussfolgert man. Dabei sind es nicht die Rinder, die das Klima gefährden, sondern es ist die Art ihrer industriellen Haltung. Das beschreibt die Wissenschaftsjournalistin Anita Idel eindrucksvoll in ihrem Buch „Die Kuh ist kein Klima-Killer“.
Zwar gasen die Milch und Fleisch gebenden Wiederkäuer tatsächlich in der Summe viel des klimarelevanten Methans (CH4) aus, sind es doch weltweit knapp anderthalb Milliarden an der Zahl, die unseren Planeten bevölkern. Doch über das sehr viel klimaschädlichere Distickstoffmonoxid (N20) wird zumeist geschwiegen. Dieser auch Lachgas genannte Stoff entsteht nämlich, wenn synthetischer Stickstoffdünger für den Futtermittelanbau auf die Felder aufgebracht wird. Pro hundert Tonnen Dünger entweichen drei Tonnen Lachgas – und das ist laut Klimaforscher 296-mal klimawirksamer als Kohlendioxid (CO2).
Mehr als 70 Prozent der eiweißreichen Futterpflanzen, vor allem Soja, werden in die Europäische Union importiert. Und für den Anbau dieser Monokulturen werden in Argentinien, Brasilien und zunehmend auch in Paraguay Regenwald gerodet. „Je nach Ergiebigkeit grasen dann dort zunächst für einige Jahre Rinder, ehe die Flächen umgebrochen und vorrangig für den intensiven Anbau von Tierfutter (Soja) genutzt werden“, so Idel. Und das mit zunehmend mehr Dünger (und eben immer mehr Lachgasemissionen), um dem allmählich ausblutenden Boden eine noch erkleckliche Ernte abzuringen – immer mehr Futtererträge für immer mehr Vieh.
„Wir haben eine Methandebatte“, sagt Anita Idel, „aber keine Lachgasdebatte.“ Die würde die Berliner Tierärztin gerne mit ihrem Buch entfachen. Darin tritt sie zwei scheinbar schlüssigen Annahmen entgegen: Dass Grünland und Kühe keinen Beitrag zum Klimaschutz leisteten. Dabei stellten nicht nur Wälder, sondern auch Wiesen und Weiden „einen gigantischen Kohlenstoff-Speicher dar“, betont Idel. Je mächtiger der Humus darunter, desto mehr Kohlenstoff wird gebunden. Faustformel: „Jede Tonne Kohlenstoff im Boden entlastet die Atmosphäre um 3,67 Tonnen CO2.“
Doch die Humusschicht wächst nur mit den immer wieder aufs Neue gedeihenden Gräsern. „Damit das Gras aber sprießt, braucht es den Biss der Weidetiere“, sagt Idel. Die grasende Kuh steigert demnach die natürliche Bodenfruchtbarkeit und trägt damit zur Fähigkeit des Grünlands bei, Kohlenstoff zu speichern. So gesehen sind Wiederkäuer wie die Kuh, werden sie denn artgerecht gehalten, Klimaretter.
Was ist also zu tun, um zu einer klimafreundlichen Viehwirtschaft zu gelangen? „Voraussetzung ist die drastische Reduktion des Fleischkonsums und damit der Tierbestände“, sagt Anita Idel. Das Problem seien nicht die Rinder, sondern zunehmend industrialisierte Agrarsysteme, die den Hunger nach Fleisch immer weiter anheizten. Erst der billig verfügbare synthetische Stickstoffdünger zur massenhaften Produktion von Futtermitteln führte zu der „gigantischen Anzahl von Tieren, die für die menschliche Ernährung gezüchtet und gehalten werden“, schlussfolgert die Autorin. Das liebe Vieh muss also raus aus dem Stall, um die Spirale der abnehmenden Bodengüte wieder umzudrehen. Dazu Agrarstaatssekretär Peter Bleser: „42 Prozent der deutschen Milchkühe sind mindestens 24 Wochen im Jahr auf Weideflächen.“ Könnte das nicht noch mehr werden?
von Tim Bartels
> Anita Idel: Die Kuh ist kein Klima-Killer! Wie die Agrarindustrie die Erde verwüstet und was wir dagegen tun können. 200 S. 18 Euro. Metropolis Verlag Marburg
Die Kuh ist …
1. … kein Klimakiller. Klimaschädlich ist vielmehr die industrialisierte Landwirtschaft mit ihrem Kraftfutteranbau für die Massentierhaltung. Dafür wird Regenwald gerodet, Grünland umgebrochen, und die dort angebauten Futtermittel werden intensiv mit synthetischen Stickstoffverbindungen gedüngt. Dabei entsteht Lachgas (N20), das mehr als zehn Mal so klimaschädlich wirkt wie Methan (CH4).
2. … kein Nahrungskonkurrent. Die Kuh sollte nicht zum Nahrungskonkurrenten des Menschen gemacht werden, denn sie ist wie das Schaf auch ein Wiederkäuer. Und eben diese Tiere können viel besser Weidefutter in Milch und Fleisch umwandeln und sind deshalb prädestiniert für diejenigen Böden, die nicht beackert, aber beweidet werden sollten.
3. … kein reines Stalltier. Viel Milch und Fleisch sollen sie produzieren, und das in möglichst kurzer Zeit. Die Folge: In Massentierhaltung kommen die Rinder so gut wie gar nicht mehr auf die Weide, sondern erhalten Kraftfutter aus Getreide, Mais und Soja, das die Wiederkäuer nicht so gut verwerten können wie Gras.
4. … keine Flächenfresserin. Da man fürs Kraftfutter statt Grünland Ackerboden nutzt, wird der große Flächenverbrauch der Rinderhaltung kritisiert. Dabei sind weltweit zwei Drittel der landwirtschaftlich nutzbaren Flächen Grünlandböden, die zu fragil, nass und steil sind, um sie zu beackern. Kann die Kuh aber dort grasen, wird das Grünland in Wert gesetzt.
5. … kein Abfallproduzent. Durch den intensiven Einsatz synthetischen Stickstoffdüngers explodierte die Anzahl der Tiere und damit auch die Güllemenge. Die Ausscheidungen sind meist stark belastet mit Resten von Arznei- und Desinfektionsmitteln und stellen ein Umweltproblem dar. Dabei gehören die Exkremente eigentlich zurück in den Boden, insbesondere in den, von dem das Futter fürs Tier stammt.
6 … keine Heuschrecke. Diesen Vergleich zieht der amerikanische Umweltaktivist Jeremy Rifkin in seinem Buch „Das Imperium der Rinder“, in dem er die landzerstörende Überweidung durch zu viele Rinder geißelt. Was er nicht schrieb: Ohne Graser kein Gras, meint: Ohne Nutzung geht Grasland auf Dauer verloren, es verbuscht oder verwaldet.
> Im Kritischen Agrarbericht 2012 gibt Anita Idel 15 Beispiele zur Klimaschützerin Kuh (S. 227): Bestellung unter www.kritischer-agrarbericht.de
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